[BACK] [BACK WIDE] [HOME] [FORWARD]Editorial    -    Polierter Reis und Beriberi[EU.L.E. HOME]

Die Story ist ein Klassiker. Da wurden in den Reismühlen die wertvollen Randschichten des vollen Kornes entfernt, und prompt erkrankten Tausende von Asiaten an Beriberi. Und viele sind daran verstorben. Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde die Beriberi als Vitaminmangelkrankheit diagnostiziert, und für die Entdeckung des Vitamin B1 (Thiamin) erhielt der Holländer Christiaan Eijkman 1929 sogar den Nobelpreis. Diese Parabel hat sich so in das Bewußtsein der Menschen eingegraben, daß der Verzehr von Vollkornreis in Deutschland (nicht in Asien) fast den Rang eines Glaubensbekenntnisses einnimmt.

BERIBERI: OHNE REIS KEIN NOBELPREIS

Bei näherer Betrachtung keimen Zweifel an dieser These auf: So müßten Völker, die statt poliertem Reis Weißmehl oder Obst essen, ebenso oft an Beriberi erkranken. In beidem ist genauso wenig Thiamin enthalten wie im weißen Reis. Beriberi gab es aber praktisch nur bei Reisessern. Andererseits verspeisen in Asien alle Menschen seit jeher weißen Reis. Die für Beriberi typischen, lokal begrenzt auftretenden Epidemien machen da keinen Sinn. Die nächste Überlegung wäre: Wenn sich die Betroffenen fast ausschließlich von poliertem Reis ernährt haben, können sie nicht an einem isolierten Vitaminmangel leiden.

Wer die Arbeiten Christiaan Eijkmans aufmerksam liest, fühlt sich in seiner Skepsis bestätigt. Eijkman wollte mit seinen Versuchen beweisen, daß die Beriberi infectiosa tropica keine Infektionskrankheit ist, wie die Medizin damals glaubte. Ohne Reis (und ohne Stärke) entwickelten seine Hennen keine Symptome, gleichgültig, was er sonst noch verfütterte. Verständlich, daß Eijkman aufgrund dieser Ergebnisse an ein noch unbekanntes Neurotoxin im polierten Reis dachte. Auch andere Beobachtungen bestätigten Eijkman in seiner Auffassung. So starben kerngesunde Soldaten nach einer Reismahlzeit innerhalb von 48 Stunden. Die Beriberi-Symptome Durchfall und Erbrechen erinnern zudem eher an eine akute Vergiftung als an schleichenden Verfall. Aus der beiläufigen Beobachtung, daß Vollkornreis bei seinem Federvieh zufällig keine Intoxikation auslöste, wurde später die Vitamintheorie destilliert. Eijkman selbst hat daran wohl nie geglaubt: Sein Schüler Professor Oomen teilte später mit, Eijkman sei aufgrund seiner Zweifel an der Vitamintheorie nicht zur Nobelpreisverleihung gefahren.

ANTIDOT THIAMIN

Inzwischen hat sich der Nebel um das Beriberi-Rätsel gelichtet. In den 60er Jahren identifizierten japanische Forscher als Ursache Schimmelpilze, die das Mykotoxin Citreoviridin bilden. Die wechselnden Symptome erklären sich aus den stets unterschiedlichen Mykotoxinspektren. Thiamin ist das spezifische Antidot. Deshalb helfen hohe Vitamin-B1-Gaben sofort.

Nun fügen sich die fehlenden Mosaiksteinchen zwanglos ein: Zu Beriberi-Ausbrüchen kam es vor allem während der Industrialisierung. Das wachsende Proletariat mußte fern von der agrarischen Produktion mit Reis versorgt werden. Unsachgemäßer Transport und feuchte Lagerung ließen den Reis verschimmeln. Um ihn wieder verkäuflich zu machen, wurde er gewaschen und nochmals poliert. Die Beriberi ist aus Asien verschwunden, nachdem im britischen Empire Qualitätskontrollen für Reis eingeführt und verdorbene Chargen aus dem Verkehr gezogen wurden.

Udo Pollmer



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