| Von Arzt zu Arzt: VITAMINE SATT, ODER ESSENTIELLER UNSINN von Dr. med. Peter Porz |
|---|
| Ich kann mir wenig Eindrucksvolleres vorstellen als die prompte Zustandsbesserung der Wernicke-Enzephalopathie bei Alkoholkranken nach intravenöser Thiamingabe. Aber ist damit schon bewiesen, daß diese Folge langjährigen Alkoholmißbrauchs eine Thiaminmangelkrankheit ist? Nach gleichem Maßstab gemessen müßte Hypoglykämie eine Glukosemangelkrankheit sein. SO ENTSTEHEN LEHRMEINUNGEN Medizingeschichtlich sind derlei - unrichtige - Umkehrschlüsse bei vielen Krankheiten gezogen worden. Die Auswirkungen reichen bis in unsere "moderne" Medizin hinein. Bestes Beispiel: das Nobelpreis-geadelte "antineuritische Vitamin", dessen Mangel Beriberi verursachen soll. Seltsam nur, daß der Entdecker des "Vitamins" überzeugt war, daß dem nicht so sei (2) und daß bis heute keine schlüssigen Beweise dafür vorliegen, daß dem so wäre (7, 8). VITAMANIE Doch Vitamine sind populär - beim Volk und bei den Ärzten. Bis heute ist es gang und gäbe, bei Schmerzen und Polyneuropathien sogenannte Vitamin-B-Komplexe zu verabreichen. Nur, haben wir es dabei tatsächlich mit einem Vitaminmangel zu tun? Studien mit Vitamin B1 haben gezeigt, daß es hier schlicht als Placebo wirkt (4). Auch die immer wieder postulierten psychischen Veränderungen als Frühzeichen eines "subklinischen Mangels" haben sich nicht bestätigen lassen (1, 5). Noch dubioser ist diese B-Vitamanie in der Rekonvaleszenz. Gut, daß Thiamin ungefährlich ist, so schadet man den Patienten wenigstens nicht. SINNVOLL WÄR´ TOLL Ganz anders sieht die Sache bei Mykotoxikosen aus. Hier scheint hochdosiertes Thiamin als spezifisches Antidot zu wirken. Und möglicherweise haben wir es bei den alkoholischen Neuropathien ebenfalls mit Mykotoxikosen zu tun. Schließlich sind Mykotoxine im Bier keine Seltenheit (3). Von therapeutischer Bedeutung ist Thiamin auch bei totaler parenteraler Ernährung, während der es zu schweren metabolischen Laktazidosen kommen kann. Höchstdosierte, intravenöse Thiamingaben können hierbei lebensrettend sein (6). Wir Mediziner sollten den ideologischen Ballast, der die Vitamine umgibt, abwerfen und die nötigen Schlüsse aus den längst vorliegenden Forschungsergebnissen ziehen. Vor Umkehrschlüssen sollten wir uns hüten. Denn sonst müßten wir unseren Patienten auch empfehlen, auf eine möglichst acetylsalicylsäurehaltige Ernährung zu achten, um damit einem entsprechenden Mangel vorzubeugen. Schließlich ist eindeutig bewiesen, daß bereits kleinste Mengen dieser Substanz sofort und zuverlässig gegen Kopfschmerzen helfen (Eigenversuch) ..... Literatur:Chomé, J et al, Ernährungs-Umschau 1984/31/S.12-16 |
| © Copyright 1997 by EU.L.E. |
|---|